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Von Kerzenlicht, Wasserschlachten und Lieblingskolleg*innen

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  WIR HABEN WIEDER STROM! Und ja, das ist eine Neuigkeit, die jede Betonung verdient hat. Den Luxus von elektrischem Licht, einem Kühlschrank, warmem Wasser, Wlan und funktionierenden Steckdosen dürfen ich und meine Mitbewohner*innen nämlich erst seit wenigen Tagen wieder genießen. Nach fast zwei Wochen. Die Hintergrundgeschichte dazu ist etwas kompliziert und ich habe wahnsinnig wenig Lust, euch mit den Details zu nerven, aber ich dachte, eine kleine Meldung in meinem Blog ist es doch wert. Nachdem ich mich jetzt etwas länger nicht gemeldet habe, verspüre ich aus unerklärlichen Gründen einfach den Drang, euch allen mitzuteilen, dass ich zwölf Tage lang in Kerzenlicht mit kaltem Wasser geduscht habe, nachdem ich am zweiten Tag das geschmolzene Eis des Tiefkühlfachs vom Küchenboden aufwischen und am vierten Tag unseren Kühlschrank von seinen vollständig verschimmelten Inhalten befreit habe. Dass ich mich länger nicht gemeldet habe, liegt übrigens daran, dass es mir viel besser geht ...

Kulturschock

Ich sitze im Wartebereich eines großen Krankenhauses. Seit einer knappen Stunde. Und ich muss sagen, es sieht anders aus als bei meinem Hausarzt in Montabaur. Verglaste Wände, kleine graue Sofas auf weißem Boden und ein moderner halbrunder, glänzender Thresen, an der Eingangstür Securitypersonal. So habe ich Quilmes bisher nicht kennengelernt, aber ich befinde mich auch in einem privaten Krankenhaus. Es gibt auch öffentliche, kostenlose Krankenhäuser, die aber laut meiner Koordinatorin Rosi häufig schlecht versorgt sind und nicht alle Untersuchungsmöglichkeiten bieten können. Also warte ich jetzt hier, habe vorhin 4900 Pesos (ca. 16 Euro) für die Untersuchung bezahlt, die hoffentlich demnächst beginnt, und frage mich, ob es eine dumme Entscheidung war, Rosi zu sagen, dass ich es alleine versuchen werde. Bisher hätte es schlimmer laufen können, ich bin in nur zwei falschen Gebäuden gelandet und musste - endlich im richtigen Bereich angekommen - den Mann an der Rezeption nur bei drei (de...

Endlich WLAN, endlich Bilder und endlich wieder Klopapier!

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 Ist die Zunge abgeheilt, kommt der Sonnenbrand geeilt. Ich saß in dem unerwartet bequemen Sitz des Reisebusses, in dem wir gerade unsere zwölfstündige Rückreise aus San Luis angetreten hatten, als dieses kleine Stück genialer Poesie spontan in mein Gehirn schwebte. Obwohl, wenn ich genauer darüber nachdenke, fiel es mir glaube ich schon etwas früher ein. Vielleicht, als ich gerade auf einem dieser vier brillenlosen Toilettenräder saß, die ich mir mit 60 anderen Frauen teilte, mühsam versuchte, die nicht abschließbare und sich immer wieder von selbst öffnende Kabinentür mit einer Hand zuzuhalten und feststellen musste, dass ich mal wieder vergessen hatte, Toilettenpapier aus unserem Raum mitzunehmen, das ich dann in die überquillende abgeschnittene Hälfte einer Flasche hätte stopfen können, aus der unser improvisierter Mülleimer bestand. Vermutlich setzte dann wenige Sekunden nach dieser literarisch hochwertigen Eingebung die Realisation ein, dass dieses merkwürdig elastische Band,...

Papa, Papa, ich hab einen Piercing! oder ¡AAAAYY QUE LIIIIIIIIIIIINDOOO!

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 Wir hatten gestern früher Schluss und am Nachmittag nichts zu tun, also sind meine Mitbewohnerin Angela und ich eben zum Piercer gegangen. Hier haben tatsächlich sehr viele Menschen einen Nostril, also einen Ring an einer Seite der Nase, und ich dachte, wenn ich schon ständig mit meinen blonden Haaren, blauen Augen und mittelmäßigen Sprachkenntnissen auffalle, muss ich mich in anderen Dingen einfach mal anpassen. Nein, natürlich nicht, ich hatte einfach Lust drauf und bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis - und es war ein Anlass, zu dem ich dachte, dass ich doch mal wieder einen Blogeintrag schreiben könnte, um euch auf dem Laufenden zu halten.  Das mit dem Auffallen ist übrigens schon so eine Sache. Jegliche Verkäufer*innen in  Läden oder Marktständen fragen spätestens nach dem zweiten Satz: "Du bist nicht von hier oder? Woher kommst du?" Und wenn ich ihnen dann erkläre, dass ich aus Deutschland komme und ein Jahr lang für meinen Freiwilligendienst hier bin, schaffen es w...

El colectivo de la esperanza

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Meine Zunge tut weh. Ich habe eine Verbrennung auf einer Verbrennung. Keine Sorge, mir gehts gut, ich trinke nur sehr viel Mate und Mate ist immer zu heiß. Für mich jedenfalls, meine Kolleg*innen sagen immer, es sei Gewöhnungssache, wenn ich sie frage, wie sie dieses viel zu heiße Wasser (durch einen Metallstrohhalm!) trinken können. Ja, ich habe Kolleg*innen! Und ja, es kommt sogar vor, dass ich es schaffe, ihnen eine ordentliche Frage zu stellen. Nicht oft, aber es kommt vor. Letzte Woche haben wir uns drei der vier Zentren zusammen angeschaut und mussten uns dann entscheiden, wer von uns in welches geht. Florian hatte diese Qual der Wahl nicht, weil unsere Chefinnen schon vorher entschieden hatten, dass er als Mann in das Zentrum in der unsichersten Umgebung soll. Also sollten Marlen, Angela und ich uns zwischen den anderen drei entscheiden - und hatten alle sehr ähnliche Präferenzen, sodass wir entschieden haben, zu losen. Das haben wir dann am Sonntag Abend gemacht und ich habe da...

Sprachkenntnisse und ein bisschen Philosophie

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In meinem Leben wurde bisher noch nie etwas in einer so hohen Frequenz gestärkt und erschüttert wie mein Vertrauen in meine Spanischkenntnisse in den letzten zweieinhalb Wochen. Für unsere Einführung ins Castellano (so nennt man das in Lateinamerika gesprochene Spanisch) während des Seminars wurden wir in vier Gruppen eingeteilt und ich bin in der dritten gelandet. Das heißt quasi B1-Niveau, was mich sowohl wahnsinnig überrascht als auch wahnsinnig gefreut hat. Meine Bemühungen und die stundenlangen oft etwas einsamen Lerneinheiten zu Hause hatten sich also richtig gelohnt! Ich kam in diesem Kurs sehr gut klar, verstand das meiste von dem, was unsere "Lehrerin" uns - ausschließlich auf Spanisch - erklärte und konnte viele meiner Fragen zumindest so formulieren, dass einigermaßen verständlich wurde, was zum Teufel da in meinem Kopf vorging. In Restaurants oder in anderen Unterhaltungen konnte ich manchmal sogar Anderen helfen, die weniger Spanisch konnten als ich und es kam vo...

Esmeralda

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Ich sitze gerade mit meinem Laptop auf unserer neuen Terrasse, schaue hinter mir auf ein brandneues glasverkleidetes Hochhaus, vor mir auf ein noch höheres, zu zwei Dritteln glasverkleidetes Hochhaus, wenn ich mich ein kleines Stück vorlehne, sehe ich unseren üppig mit Pflanzen bestückten Innenhof und wenn ich aus dem Tor vorne rausgehe, blicke ich nach wenigen Schritten und einer Straßenecke direkt auf den Obelisken, das Wahrzeichen im Herzen von Buenos Aires. "Esmeralda" ist für Angela, Marlen, Florian und mich eine Zwischenstation. Durch die unglaublich hohe Inflation ist der Wohnungsmarkt in Buenos Aires sehr komplex und viele Vermieter warten lieber auf den Sommer, um ihre Wohnungen dann wesentlich teurer vermieten zu können. Dazu kommt natürlich noch, dass die wenigsten Vermieter Luftsprünge machen, wenn sie hören, dass ihre zukünftigen Mieter vier junge Ausländer sein sollen, die nur ein Jahr lang bleiben. Und wir sollen nun doch nicht direkt in Florencio Varela wohnen...